Der Krieg in Mali - dient er der Rohstoffsicherung?

LogoClean2(Eine Kurz-Version dieses Artikels erschien in "analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis", Nr. 580, vom 15. Februar 2013, Seite 6)

Seit Beginn der französischen 'Intervention' in der ehemaligen französischen Kolonie Mali steht die Frage im Raum , ob diese Intervention der Rohstoffsicherung dient; die Frage ist aber auch - WESSEN Rohstoffsicherung soll sie dienen?

Die Ressourcen Mali's

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Ressourcen Mali's:

"indexmundi", eine Info-website, zählt auf: Gold, Phosphat, Kaolin, Salz, Kalk, Uran, Gips, Granit - und Wasserkraft; außerdem Bauxit, Eisenerz, Mangan, Zinn, und Kupfervorkommen - die zuletzt genannten Ressourcen sind bekannt, werden aber nicht ausgebeutet.
(aus: http://www.indexmundi.com/mali/natural_resources.html)
Eine wesentliche Ressource bleibt ungenannt: Öl.

Gold

Wichtigste Ressource, die für ca. 80% der Bergbau-Aktivitäten Mali's verantwortlich ist, ist Gold. Gab es 1990 noch keinen kommerziellen Goldabbau in Mali, betreibt heute eine Anzahl Unternehmen aus verschiedensten Ländern ca. sieben Goldbergwerke in Mali, die insgesamt zwischen 40 und 55 t Gold produzieren. Inzwischen ist Mali der drittgrößte Goldproduzent in Afria.

An mehreren Goldbergwerken ist die Regierung von Mali mit jeweils ca. 20% beteiligt.
(vgl.: http://www.indexmundi.com/minerals/?country=ml&product=gold&graph=production und http://www.mbendi.com/indy/ming/gold/af/ml/p0005.htm)

Uran

Eine andere, viel diskutierte Ressource ist Uran - häufig eine 'Konfliktressource'.

In Teilen der deutschen Anti-Atom-Bewegung wurde schnell gemutmaßt, Uran sei der Grund für die Militärintervention Frankreichs in Mali. Ein genauerer Blick auf die Vorkommen zeigt, daß letztendlich nur drei - teils sehr begrenzte - Lagerstätten von Uran bekannt sind:
Die wesentlichste ist in Falea / Region Kenieba zu finden, im äußersten Südwesten Mali's, nahe der Grenze zu Guinea; das Vorkommen, eine gemischte Uran-Silber-Kupfer-Lagerstätte, enthält ca. 5.000 t Uran.

Das Vorkommen wird derzeit von der in Kanada registrierten Rockgate Capital Corporation (www.rockgatecapital.com) in fortgeschrittenem Stadium exploriert, vom Abbau ist das Projekt noch  entfernt; der Putsch vom März 2012 hatte das Unternehmen dazu gebracht, seine Maschinen und Geräte über die Grenze nach Guinea und Senegal in Sicherheit zu bringen, jedoch ist das Unternehmen inzwischen nach Mali zurückgekehrt. Das Vorhaben stößt auf erheblichen Widerstand  der lokalen Bevölkerung, die sich mit internationale Unterstützung zur Wehr setzt (siehe: www.falea21.org). Das Vorkommen mit 5.000 t Uran ist als klein einzustufen.

Zwei weitere Vorkommen liegen im Adrar de Iforas, nördlich von Kidal ("Kidal Project") sowie in der Region Gao ("Samit Project").

Das Vorkommen im Adrar de Iforas wurde von nur oberflächlich erkundet; einige websiten zitieren die - wie üblich - euphemistischen ersten Meldungen der Explorationsfirma ("exploration in full swing") als Beweis für "riesige Uranvorkommen" in Mali; verfolgt man jedoch das Unternehmen weiter, so verläuft das ganze Vorhaben im Sand; es liegt nicht einmal eine geschätzte Größe der Lagerstätte vor.

In der Region von Gao wurde ein Vorkommen von 200 t Uran ausgemacht - nicht abbauwürdig, insbesondere da es so gut wie keine Infrastruktur für den Bergbau und die Extraktion von Uran aus dem Gestein gibt (hierfür sind erhebliche Mengen Wasser sowie Energie erforderlich).

Wenn man in Betracht zieht, daß die Uranvorkommen in Mali im Vergleich zu Niger klein sind, und berücksichtigt, daß das staatlich-französische Uran-Beschaffungsunternehmen AREVA im benachbarten Niger über zwei Bergwerke verfügt, die ein vielfaches  der malischen Vorkommen beinhalten und jährlich rd. 2.500 t Uran produzieren, darüber hinaus ein in Entwicklung befindliches Vorkommen (Imouraren) besitzt, das rd. 150.000 t Uran (das 30fache des Falea-Vorkommens) beinhaltet und über einen Zeitraum von 35 Jahren jährlich rd. 4.000 t Uran produzieren soll, und wenn man bedenkt, daß AREVA außerdem Zugriff auf größere Uranvorkommen in politisch unproblematischen Ländern wie Kanada hat, dann wird offensichtlich, daß die Uranvorkommen Mali's kaum einen Anlaß für eine militärische Intervention bilden.

Betrachtet man die französischen Aktivitäten betreffs Uranförderung im Niger, so ist ein Interesse Frankreichs am Schutz seiner 'vitalen' Uranbergwerke bei Arlit und des Vorkommens Imouraren zwischen Agadez und Arlit nicht von der Hand zu weisen. Rd. 80% des Stroms wird in Frankreich durch AKWs produziert, und 2/3 des Uran für diese AKWs kommt aus Niger.

Allerdings ist für den Schutz der bestehenden und geplanten Uranbergwerke eine Invasion in Mali wenig zielführend; konsequenterweise plant Frankreich's Regierung deshalb auch die Entsendung von Militäreinheiten nach Niger zum direkten Schutz der Bergwerke bei Arlit sowie des Projektes Imouraren.

Öl...

Eine  andere Ressource von großer Bedeutung ist Öl: In der Region Taoudenni, Im Norden Mali's, nahe der Grenze zu Algerien, gibt es Ölvorkommen in der geologischen Formation des Taoudeni-Basins.

Sie wurden auf algerischer Seite bereits ausgebeutet, aber Mitte der 80er Jahre wurden die Vorkommen als erschöpft betrachtet. (Presentation der Republique du Mali, Ministere des Mines, de l'Energie et de l'Eau, bei: Konferenz des CCA - CORPORATE COUNCIL ON AFRICA, in  Bethesda, Maryland, U.S.A. BETHESDA, 29 Novembre - 01 Decembre 2006).

In der gleichen Konferenz ist von einer "Wiedergeburt" der malischen Öl-Industrie im Jahr 2004 die Rede. Die Regierung von Mali rief eine Behörde ins Leben, die sich speziell der Öl-Exploration widmet - AUREP.  

Die Spur führt schließlich zu einigen der ganz großen Ölfirmen: ENI, Italien, und SIPEX - Sonatrach International Petroleum Exploration and Production Company, die für internationale Aktivitäten zuständige Tochtergesellschaft der staatlichen algerischen Energie-Unternehme SONATRACH. SONATRACH hat auch exklusive Rechte in den Explorationsblocks entlang der Grenze Mali / Algerien (Block 20).

Das ENI/SIPEX-Konsortium hat die Rechte an 5 weiteren Explorationsblocks (Nr. 1, 2, 3, 4, und 9), die sich dem oben erwähnte Block 20 direkt anschliessen; sie hatten ursprünglich der australischen Baraka Petroleum gehört. Baraka war ein Stück weit ausgebotet worden, nachdem sie bei einem anderen Projekt finanzielle Schwierigkeiten hatten und Anteile in Mali abgeben mussten. Die Suche nach Öl hatte Erfolg:

"Im November 2011 gab das algerische staatliche Energieunternehmen SONATRACH bekannt, daß es Öl und Erdgas in Mali im Bereich seiner (Explorations-)Lizenz gefunden habe, die von der deutschen E.ON Ruhrgas gehandhabt (?) wird. SONATRACH gelobte, seine erste Bohrung in Mali bis Mitte des Jahres 2012 niederzubringen. Die in der Schweiz ansässige Petroplus Africa Ltd., die kanadische Simba Energy Inc. und die in England ansässige Heritage Oil Plc. explorieren ebenfalls in Mali nach Öl. Außerdem unterzeichneten Angola und Mali vor zwei Wochen einen Fünf-Jahres-Vertrag betreffs Petro Plus Angola Lmtd, um mit der Exploration in Mali zu beginnen."
(aus: http://www.lignet.com/ArticleAnalysis/Mali--Oil-Reseves-but-Threat-of-Terrorism,
Übersetzung vom Autor dieses Artikels)

Über die Anwesenheit von "Terroristen" in der Region waren sich SIPEX bzw. SONATRACH bewusst - stuften diese aber als "gunmen" ein, die als evtl. der AQMI - Al Qaida im Islamischen Maghreb - zugeordnet werden könnten; die Unternehmen ließen sich davon aber keineswegs von ihren Explorationsarbeiten abhalten. Der Sipex Generaldirektor für Mali, Maache Boualem, führte aus, daß SONATRACH umfangreiche Erfahrungen damit habe, mit den "Leuten der Region zusammen zu arbeiten und daher würden sie nicht dieselben Sicherheitsprobleme haben wir andere Unternehmen. (http://www.cablegatesearch.net/cable.php?id=09BAMAKO151)

Bei einem Besuch von US-Botschaftsangehörigen in ihrem Camp (nahe Assadrine) bezeichneten Mitarbeiter von Eni und SIPEX das Sicherheitsrisiko als vernachlässigenswert und konstatierten, daß sie keinerlei Schwierigkeiten hätten, sich in der Wüste Nord-Malis zu bewegen; offenbar ist ENI / SIPEX durch SONATRACH den anderen Firmen in der Sahara nicht nur technisch überlegen. (Quelle: dito)

Diese Zusammenhänge führen zu einem anderen Zweig von Überlegungen, die u.a. Jeremy Keenan, Professor der Anthropologie an der Abteilung für Orientale und Afrikanische Studien in London; er hat zwei Bücher über die Entwicklungen in der Sahara veröffentlicht. In seinem Artikel "How Washington helped foster the Islamist uprising in Mali" kommt er zu dem Schluß, daß die USA dazu beitrugen, den "Terror" in der Region zu fördern, und zwar in Zusammenarbeit mit der algerischen Regierung.

Die ehemalige Regierung Bush "brauchte etwas mehr Terror" in der Region, so Jeremy Keenan, um eine neue Front in der Sahara für ihren weltweiten Krieg gegen den Terror aufzubauen. Eine solche "zweite Front" würde die zunehmende Militarisierung Afrikas durch die USA rechtfertigen, die dazu dienen soll, sich die Ressourcen, insbesondere Öl, zu sichern. Diese Absichten führten 2008 zur Errichtung eines neuen US-Kommandostruktur - AFRICOM. (vgl.: http://newint.org/features/2012/12/01/us-terrorism-sahara/?utm_medium=ni-email&utm_source=message&utm_campaign=intl-enews-2013-01-15)

Ein Artikel aus der Le Monde Diplomatique, "El Para, the Maghreb's Bin Laden", detailliert recherchiert, zeigt auf, wie die Regierung von Algerien islamistische Gruppen infiltrierte und sie für ihre Zwecke einspannte. Vor diesem Hintergrund auch kein Wunder, daß die algerisch-staatliche SONATRACH bzw. SIPEX bei ihrer Öl-Exploration in Nord-Mali vom Terrorismus unbehelligt blieb.
(vgl.: "Who staged the tourist kidnappings? El Para, the Maghreb’s Bin Laden "http://mondediplo.com/2005/02/04algeria)

F. Wilhelm Engdahl, ein bekannter kritischer Wirtschaftsjournalist, geht in seiner Analyse und Interpretation noch einen Schritt weiter: Er sieht hinter der US-Vorgehensweise nicht nur das Interesse an Afrika's Rohstoffen - sondern den Versuch, den Konkurrenten China, der in Afrika bereits vielerorts bei der Rohstoffausbeutung und mit einer "Wirtschafts-Diplomatie" vertreten ist, Paroli zu bieten und China Einfluß auf dem afrikanischen Kontinent einzuschränken oder es ganz zu verdrängen.
(http://www.voltairenet.org/article177327.html)


Zusammenfassung
Militärische "Interventionen" haben in aller Regel auch einen ökonomischen Hintergrund.

Ein einfacher, direkter Kausalzusammenhang zwischen Uranvorkommen in Mali und der militärischen Intervention Frankreichs ist aus den obengenannten Gründen kaum anzunehmen. Es ist nicht das Uran - es ist möglicherweise das Öl: Mehr als alles andere hängt die Wirtschaft der westlichen Welt, allen voran der USA, vom Öl ab.

Aber auch andere mineralische Ressourcen - eben nicht nur in Mali, sondern auf dem gesamten afrikanischen Kontinent - sind von höchstem Interesse für die USA, die sich ihren Weg und Zugriff zu den Ressourcen sichern wollen. Kampf gegen den Terrorismus und die Islamisten sind dabei nur Mittel zum Zweck, Nebelkerzen, die das eigentliche Geschehen hinter dem von den mainstream-Medien kolportierten "smokescreen" verschwinden lassen.

Den Tuareg - derzeit rd. 350.000 in Flüchtlingscamps in Mauretanien, Algerien, Burkina Faso und Niger, und anderen Gruppen im Norden Mali's, nützt die Analyse erstmal wenig: aus ihren traditionellen Gebieten vertrieben, sehen sie die Rückkehr der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich in Einheit mit den USA mit höchst gemischten Gefühlen. Eine Tuareg sagte uns:

"Les mouvements armées autochtones non intégristes du Nord Mali ont demandé depuis longtemps de l'aide à la France et tous ces pays  pour lutter contre le terrorisme.

Cependant ces pays continue à faire la sourde oreille.
Nous ne comprenons pas ce qu'ils veulent je pense que les peuples de ces pays n'ont pas compris non plus ce dans quoi leurs gouvernement s'engagent. Reprendre le territoire à ses propriétaires/fils  comme les terroriste étaient entrain de le faire.  Vidé de sa population et le remettre au Mali.

Donc l interet  de ses ETATS soit disant sauveur est de remettre le territoir à ceux qui n'ont aucun lien culturelle, historique, spirituelle donc aucune valeur si ce n'est ces maudites ressources naturelles."

"Die bewaffneten Bewegungen der Autochthonen Nord-Mali's (gemeint sind die Tuareg als indigene Bevölkerung der Region, Anmerkung d Übersetzers), die sich nicht integrieren wollen, haben seit langem die Hilfe Frankreichs und all dieser Länder gesucht, um gegen den Terrorismus zu kämpfen.

Diese Länder haben fortgesetzt 'ihre Ohren verschlossen'.
Wir verstehen nicht, was sie wollen und ich denke, die Menschen in diesen Ländern haben genauso wenig begriffen, in welcher Sache sich ihre Regierungen hier engagieren: Das Land 'zurückerobern', sowie die Terroristen dabei waren, es zu tun. Es seiner Bevölkerung zu entleeren und es an Mali zurückzugeben.

Offenbar ist es das Interesse dieser STAATEN, die sich Retter nennen, das Land an diejenigen zurückzugeben, die keinerlei kulturelle, historische oder  spirituelle Verbindung zu dem Land haben, für die es keinerlei Wert hat - wären da nicht die verfluchten natürlichen Ressourcen / Bodenschätze."

Aussage einer Repräsentantin der Touareg, Januar 2013

Günter Wippel
31. Januar 2013